
Mit Blick auf die in den letzten Jahren vorgestellten Gefangenen gibt es nur wenig Veränderung. Das nigerianische Online-Portal Pulse meldete am 3. November 2025, dass das Urteil gegen Yahaya Aminu Sharif „später“ aufgehoben worden sei und der Sänger jetzt auf die Wiederaufnahme seines Verfahrens warte. Bereits im Mai 2025 wurde das Todesurteil gegen Shahriar Bayat vom Obersten Gerichtshof aufgehoben; ein Teheraner Gericht verurteilte ihn dann wegen Blasphemie zu einer fünfjährigen Haftstrafe und einem Jahr Sozialdienst. Ob der 65-Jährige noch einmal freikommt ist jedoch ungewiss, da er in einem weiteren Verfahren wegen Propaganda gegen das Regime und Beleidigung der iranischen Führer zu acht Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Nach einer Mitteilung der United States Commission on International Religious Freedom von September 2025 hat sich im Fall von Junaid Hafeez nichts verändert. Zu Ratu Thalisa gibt es ebenfalls keine neuen Informationen.
Ibtissame Betty Lachgar, Marokko
Zweieinhalb Jahre Haft für ein T-Shirt mit der Aufschrift „Allah is lesbian“
Die queerfeministische Aktivistin Ibtissame Betty Lachgar ist im September von einem marokkanischen Gericht wegen „vorsätzlichen Beleidigung des Islams oder heiliger Symbole“ zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ihr wird vorgeworfen, einen Social-Media-Post abgesetzt zu haben, der sie in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Allah is lesbian“ („Allah ist lesbisch“) zeigt. Bereits im August 2025 war sie in Untersuchungshaft genommen worden, am 8. Oktober bestätigte das Berufungsgericht in Rabat den Schuldspruch und das Strafmaß.
Betty Lachgar ist Mitgründerin der MALI-Bewegung (Mouvement alternatif pour les libertés individuelles) und eine der wenigen Menschen, die sich in Marokko öffentlich zu einer atheistischen Einstellung bekennen. 2018 wurde sie mit dem One-Law-for-All-Preis ausgezeichnet.
Im Dezember hatte amnesty international eine „Urgent Action“ für Betty Lachgar gestartet, seit Januar läuft eine von den britischen Ex-Muslimen angestoßene Kampagne für ihre Freilassung, der sich zahlreiche säkulare Verbände angeschlossen haben. Dabei geht es auch darum, der 50-Jährigen nach einem Ellenbogenbruch eine angemessene medizinische Versorgung zu gewährleisten.
Sherif Gaber, Ägypten
In Untersuchungshaft wegen des Vorwurfs „Missachtung der Religion“
Anfang November 2025 verschwand der ägyptische YouTuber Sherif Gaber. Nachdem zunächst unklar blieb, was mit dem für seine atheistische Einstellung bekannten Aktivisten geschehen war, stellte sich nach einigen Wochen heraus, dass er wegen Missachtung der Religion in Untersuchungshaft genommen worden ist. Nach Informationen von Zawia3, einem ägyptischen Online-Portal für investigativen Journalismus, befand sich Gaber auch im Februar noch im Gefängnis.
Der 32 Jahre alte Sherif Gaber ist seit 2013 mehrfach wegen der Verbreitung atheistischer Ideen verurteilt worden, zuletzt 2024 (in Abwesenheit, zu fünf Jahren Haft). Seine jetzige Verhaftung scheint Teil einer größer angelegten Kampagne der ägyptischen Behörden zu sein, bei der auch andere religionskritische Stimmen wie der „Mufti der Menschheit“ Majid Zakariya Abdul Rahman und Menschen, die auf der Facebook-Seite des Arab Atheists Network and Forum gepostet hatten, sowie Angehörige religiöser Minderheiten festgenommen wurden.
Artemy Ostanin , Russland
Comedian für Jesus-Witz zu mehrjähriger Haft verurteilt
In Russland ist ein Comedian zu fünf Jahren und neuen Monaten Haft sowie einer Geldstrafe von umgerechnet knapp 3500 Euro verurteilt worden. Wesentlicher Teil der Anklage war, dass Artemy Ostanin die religiösen Gefühle von Christen verletzt haben soll.
Im März 2025 war Ostanin, offenbar aufgrund einer Denunziation, in Belarus verhaftet worden. Ursprünglich ging es um einen Witz über einen „Skater ohne Beine“. Kriegsblogger legten ihm dies als Verspottung von Kriegsveteranen aus. Als sich zeigte, dass die inkriminierte Stelle wohl aus dem Zusammenhang gerissen worden war, fanden die Strafverfolgungsbehörden in einem älteren Programm einen Witz über Jesus.
Im Februar 2026 wurde Ostanin von einem Gericht in Moskau wegen „Anstiftung zum Hass“ und der Verletzung religiöser Gefühle für schuldig befunden. Mehrere Mitglieder einer konservativen orthodox-christlichen Organisation hatten als „Geschädigte“ gegen ihn ausgesagt. Das Strafmaß fiel mutmaßlich deshalb so hoch aus, weil Ostanin zur Last gelegt wurde, zur Schaffung und Verbreitung der Witze eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben.
Nach eigenen Angaben war Ostanin vor seiner Überstellung nach Russland massiver Gewalt und Folter ausgesetzt; unter anderem erlitt er einen Wirbelbruch. Seit Juni 2025 findet sich sein Name auf der Rosfinmonitoring-Liste der Terroristen und Extremisten.
Doğan Pehlevan, Türkei
Monatelange Untersuchungshaft für vermeintliche Mohammed-Karikatur
Gegen das türkische Satiremagazin LeMan läuft ein Verfahren wegen „öffentlicher Beleidigung religiöser Werte“. Dabei wurden im Juni 2025 der Karikaturist Doğan Pehlevan sowie weitere Mitarbeiter der Zeitschrift, darunter der Chefredakteur und der Redaktionsleiter, in Untersuchungshaft genommen. Im September ordnete ein Gericht unter Auflagen deren Freilassung an, während Pehlevan weiter inhaftiert bleib. Im November 2025 hob ein Gericht auch für ihn die Untersuchungshaft auf. Da ihm jedoch in einem anderen Fall die „Beleidigung des Präsidenten“ vorgeworfen wird, konnte Pehlevan das Gefängnis nicht verlassen.
Auslöser war eine am 26. Juni veröffentlichte Karikatur, die zwei Figuren mit Flügeln zeigt, die über einer Stadt unter Beschuss schweben. Sie begrüßen sich und nennen dabei ihre Namen: Muhammed und Musa. Während der Cartoonist erklärte, mit der Zeichnung seinen Protest gegen die Kriegführung im Gazastreifen auszudrücken, wollten religiöse Eiferer darin eine „Mohammed-Karikatur“ sehen und attackierten das Redaktionsgebäude. Verbale Unterstützung erhielten sie aus Regierungskreisen, selbst Präsident Tayyip Erdoğan meldete sich zu Wort. Laut dem spanischen Cartoonisten Juan Ramón Mora äußerte er, es handele sich um „als Humor getarnte Aufwiegelung, eine abscheuliche Provokation“.
Die betreffende Ausgabe wurde beschlagnahmt, die Webseite von LeMan gesperrt. Die Staatsanwaltschaft fordert mehrjährige Haftstrafen für die Beschuldigten; Pehlevan drohen als „Wiederholungstäter“ siebeneinhalb Jahre Gefängnis. Die nächste Anhörung vor Gericht ist für irgendwann im Frühjahr 2026 angesetzt.
Allen, die uns auch dieses Jahr wieder mit Hinweisen geholfen haben, danken wir an dieser Stelle. An English version can be downloaded soon.