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Liste der säkularen Gefangenen 2023

Aus Anlass des Atheist Day veröffentlichen wir am 23. März 2023 erstmals eine Liste der Säkularen Gefangenen. Ziel dieser Aktion soll sein, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass weltweit immer noch viele Menschen für ein Bekenntnis zum Atheismus, die Kritik von Göttern und Heiligkeiten oder die Forderung nach einer säkularen Gesellschaftsordnung ins Gefängnis geworfen werden. Dabei ist es nicht so, dass derartige Fälle überhaupt keine Beachtung finden. Aber es gibt bislang, soweit wir sehen, keine Stelle, die versucht, diese Fälle zusammenzutragen und die dahinterstehenden Schicksale zu dokumentieren.
Projekt 48 hat sich nun diese Aufgabe gestellt. Wir beginnen mit vier Fällen aus vier Ländern, die verschiedene Aspekte der Verfolgung säkularer Aktivist:innen zeigen. Natürlich sind das beiweitem nicht alle Menschen, die aufgrund ihrer atheistischen oder säkularen Einstellung inhaftiert sind – allein im Iran gibt es sehr viele Betroffene. Wir haben uns trotzdem entschieden, uns auf relativ wenige Beispiele zu konzentrieren. Zu den dahinterstehenden Überlegungen haben wir auch in einem Interview im Humanistischen Pressedienst Stellung bezogen.
Wir danken allen, die uns bei der Erstellung der Liste unterstützt haben, insbesondere der Säkularen Flüchtlingshilfe und dem Zentralrat der Ex-Muslime Deutschland. An English version can be downloaded here.

Mubarak Bala, Nigeria
24 Jahre Haft für „blasphemische“ Facebook-Einträge
Mubarak Bala ist Präsident der Nigerian Humanist Association. Im April 2020 wurde er aufgrund einer Anzeige wegen Blasphemie verhaftet. Fünf Monate saß er ohne Kontakt zu einer anwaltlichen Vertretung im Gefängnis, erst nach mehr als einem Jahr wurde Anklage erhoben.
Vorgeworfen werden Mubarak Bala Facebook-Posts, in denen er der Propheten Muhammad mit einem nigerianischen Tele-Evangelisten verglichen oder mit Bezug auf die Corona-Pandemie geäußert haben soll: „Allah does not exist, do not pray against Covid-19. Act against the disease“.
Vor Gericht gestellt wurde er schließlich wegen „öffentlicher Unruhestiftung“ (Abschnitte 210 und 114 des Strafgesetzbuches des Bundesstaats Kano). Seine Facebook-Posts sollen eine Störung der öffentlichen Ordnung bewirkt haben. Am 4. April 2022 fand der Prozess statt. Mubarak Bala bekannt sich schuldig und wurde zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt.
Beobachter wie der bekannte nigerianische Humanist Leo Igwe – er leitet die Kampagne #FreeMubarakBala – gehen davon aus, dass Mubarak Bala genötigt wurde, sich schuldig zu bekennen und nach zwei Jahren Haft den Einschüchterungen nichts mehr entgegensetzen konnte.
Die britisch-nigerianische Journalistin Yemisi Adegoke hat einen halbstündigen Film über das Schicksal Mubarak Balas gemacht, der auf YouTube angesehen werden kann.

Othman Mohamed Lehbib, Mauretanien
Seit drei Jahren unter dem Vorwurf der „Gotteslästerung“ inhaftiert
Othman Mohamed Lehbib war in der Bewegung Wir wollen ein säkulares Mauretanien aktiv. Aufgrund seiner Aktivitäten und seiner Stellungnahmen in den sozialen Medien, in denen er die religiöse Herrschaft in Mauretanien kritisierte, wurde er verhaftet und befindet sich seit April 2020 in Einzelhaft. Der Vorwurf lautet Gotteslästerung, was nach Artikel 306 des mauretanischen Strafgesetzbuches mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Über seinen derzeitigen Zustand gibt es derzeit keine genauen Informationen.

Mohamed Rusthum Mujuthaba (Rusthum Russo), Malediven
Vier Monate Haft für Kritik am Islam
Der maledivische Menschenrechtsaktivist Mohamed Rusthum Mujuthaba setzt sich untrer dem Pseudonym Rusthum Russo setzt sich in sozialen Medien für Religions- und Glaubensfreiheit. Dieses Engagement hat ihn seit Herbst 2019 mehrfach ins Gefängnis gebracht. Zuletzt wurde er am 10. August 2022 wegen „Beleidigung des Islams“ und des Besitzes von „obszönem Material“ (Sektion 617 und 622 des maledivischen Strafgesetzbuches) zu vier Monaten Haft verurteilt. Da er vor der Urteil bereits sechs Monate inhaftiert war, kam er nach dem Prozess frei.
Im November 2022 hatten UN-Vertreter, darunter der Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit, in einem Schreiben an die maledivische Regierung ihre Besorgnis über die gerichtliche Verfolgung von Rusthum Russo ausgedrückt.

Youssef Mehrad & Saadullah Fazli, Iran
Todesstrafe für „Beleidigung des Propheten“
Weil sie auf einem Telegram-Kanal namens Criticism of Superstition and Religion aktiv waren, sind Youssef Mehrad und Saadullah Fazli wegen des Vorwurfs „Sab al-Nabi“ (Beleidigung des Propheten) zum Tode verurteilt worden. Zusammen mit fünf anderen Teilnehmern an besagtem Telegram-Kanal waren sie im Mai 2020 festgenommen worden. Neben zahlreichen weiteren Anklagepunkten (u.a. Bildung einer illegalen Vereinigung) wurde den Männern die Beleidigung der „Heiligtümer“ sowie des Gründers der Islamischen Republik zur Last gelegt. Während fünf der Angeklagten zu mehrjährigen Haft- und Geldstrafen verurteilt wurden, verhängte die erste Kammer des Strafgerichtshofes von Arak gegen Youssef Mehrad und Saadullah Fazli wegen einer vermeintlichen Beleidigung des Propheten im April 2021 die Todesstrafe. Der Oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil im Juli desselben Jahres. Seitdem sitzen die beiden gewissermaßen in der Todeszelle.

 

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